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Quantenmechanik
Grundlagen
Die Grundlagen der Quantenmechanik wurden zwischen 1925 und 1935 von
Werner Heisenberg,
Erwin Schrödinger,
Max Born,
Pascual Jordan,
Wolfgang Pauli,
Niels Bohr,
Paul Dirac,
John von Neumann,
Friedrich Hund und weiteren Physikern erarbeitet, nachdem erst die klassische Physik und dann die
älteren Quantentheorien bei der systematischen Beschreibung der Vorgänge in den Atomen versagt hatten. Die Quantenmechanik erhielt ihren Namen in Abgrenzung zur
klassischen Mechanik, weil sie einige ihrer zentralen Begriffe, unter anderem "Ort" und "Bahn" eines Teilchens, durch grundlegend andere Konzepte ersetzte.
Die Quantenmechanik bezieht sich auf materielle Objekte und modelliert diese als einzelne Teilchen oder als
Systeme, die aus einer bestimmten Anzahl von einzelnen Teilchen bestehen. Mit diesen Modellen können
Elementarteilchen,
Atome,
Moleküle oder die
makroskopische Materie detailliert beschrieben werden. Zur Berechnung von deren möglichen
Zuständen mit ihren jeweiligen physikalischen Eigenschaften und Reaktionsweisen wird ein der Quantenmechanik eigener
mathematischer Formalismus genutzt.
Die Quantenmechanik unterscheidet sich nicht nur in ihrer mathematischen Struktur grundlegend von der klassischen Physik. Sie verwendet Begriffe und Konzepte, die sich der Anschaulichkeit entziehen und auch einigen Prinzipien widersprechen, die in der klassischen Physik als fundamental und selbstverständlich angesehen werden. Durch Anwendung von
Korrespondenzregeln und Konzepten der
Dekohärenztheorie können viele Gesetzmäßigkeiten der klassischen Physik, insbesondere die ganze klassische Mechanik, als Grenzfälle der Quantenmechanik beschrieben werden. Allerdings gibt es auch zahlreiche Quanteneffekte ohne klassischen Grenzfall. Zur
Deutung der Theorie wurde eine Reihe verschiedener
Interpretationen der Quantenmechanik entwickelt, die sich insbesondere in ihrer Konzeption des
Messprozesses und in ihren
metaphysischen Prämissen unterscheiden.
Auf der Quantenmechanik und ihren Begriffen bauen die weiterführenden
Quantenfeldtheorien auf, angefangen mit der
Quantenelektrodynamik ab ca. 1930, mit denen auch die Prozesse der Erzeugung und Vernichtung von Teilchen analysiert werden können.
Genauere Informationen zum mathematischen Formalismus finden sich im Artikel
Mathematische Struktur der Quantenmechanik.
Geschichte
Anfang des 20. Jahrhunderts begann die Entwicklung der Quantenphysik zunächst mit den sogenannten
alten Quantentheorien.
[1] Max Planck stellte 1900 zur Herleitung des nach ihm benannten
Strahlungsgesetzes die Hypothese auf, dass ein
Oszillator Energie nur in ganzzahligen Vielfachen des
Energiequantums
aufnehmen oder abgeben kann (h ist das
Plancksche Wirkungsquantum, f ist die
Frequenz des Oszillators). 1905 erklärte
Albert Einstein den
photoelektrischen Effekt durch die
Lichtquantenhypothese. Demnach besteht Licht aus diskreten Partikeln gleicher Energie
E, welchen mit der Frequenz
f = E/h auch eine Welleneigenschaft zukommt.
Im Zeitraum ab 1913 entwickelte Bohr das nach ihm benannte
Atommodell. Dieses basiert auf der Annahme, dass Elektronen im Atom nur
Zustände zu ganz bestimmten Energien einnehmen können und dass die Elektronen bei der Emission oder Absorption von Licht von einem Energieniveau auf ein anderes „springen“ (siehe
Quantensprung). Bei der Formulierung seiner Theorie nutzte Bohr das
Korrespondenzprinzip, dem zufolge sich das quantentheoretisch berechnete optische Spektrum von Atomen im Grenzfall großer Quantenzahlen dem klassisch berechneten Spektrum annähern muss. Mit dem Bohrschen Atommodell und seinen Erweiterungen, dem
Schalenmodell und dem
Bohr-Sommerfeld-Modell, gelangen einige Erfolge, darunter die Erklärung des Wasserstoffspektrums, der
Röntgenlinien und des
Stark-Effekts, sowie die Erklärung des Aufbaus des
Periodensystems der Elemente.
Paul Dirac, Nobelpreis 1933 zusammen mit Schrödinger
Schnell erwiesen sich diese frühen Atommodelle jedoch als unzureichend. So versagten sie bereits bei der Anwendung auf das Anregungsspektrum von Helium, beim Wert des
Bahndrehimpulses des
elektronischen Grundzustandes von Wasserstoff und bei der Beschreibung verschiedener spektroskopischer Beobachtungen, wie z. B. des
anomalen Zeeman-Effekts oder der
Feinstruktur.
Im Jahr 1924 veröffentlichte
Louis de Broglie seine Theorie der
Materiewellen, wonach jegliche Materie einen Wellencharakter aufweisen kann und umgekehrt Wellen auch einen Teilchencharakter aufweisen können.
[2] Diese Arbeit führte die Quantenphänomene auf eine gemeinsame Erklärung zurück, die jedoch wieder
heuristischer Natur war und auch keine Berechnung der
Spektren von Atomen ermöglichte. Daher wird sie als letzte den alten Quantentheorien zugeordnet, war jedoch richtungsweisend für die Entwicklung der Quantenmechanik.
Die moderne Quantenmechanik fand ihren Beginn im Jahr 1925 mit der Formulierung der
Matrizenmechanik durch
Werner Heisenberg,
Max Born und
Pascual Jordan.
[3][4][5] Während Heisenberg im ersten dieser Aufsätze noch von
"quantentheoretischer Mechanik" gesprochen hatte, wurde in den beiden späteren Aufsätzen die noch heute gebräuchliche Bezeichnung
"Quantenmechanik" geprägt. Wenige Monate später stellte
Erwin Schrödinger über einen völlig anderen Ansatz – ausgehend von De Broglies Theorie der Materiewellen – die Wellenmechanik bzw. die
Schrödingergleichung auf.
[6] Kurz darauf konnte Schrödinger nachweisen, dass die Wellenmechanik mit der Matrizenmechanik mathematisch äquivalent ist.
[7] Schon 1926 brachte J. H. Van Vleck in den USA unter dem Titel
Quantum Principles and Line Spectra das erste Lehrbuch zur neuen Quantenmechanik heraus. Das erste deutschsprachige Lehrbuch,
Gruppentheorie und Quantenmechanik von dem Mathematiker
Hermann Weyl, folgte 1928.
Heisenberg entdeckte die nach ihm benannte
Unschärferelation im Jahr 1927; im gleichen Jahr wurde auch die bis heute vorherrschende
Kopenhagener Interpretation der Quantenmechanik formuliert. In den Jahren ab etwa 1927 vereinigte
Paul Dirac die Quantenmechanik mit der
speziellen Relativitätstheorie. Er führte auch erstmals die Verwendung der Operator-Theorie inklusive der
Bra-Ket-Notation ein und beschrieb diesen mathematischen Kalkül 1930 in seinem Buch
Principles of Quantum Mechanics.
[8] Zur gleichen Zeit formulierte
John von Neumann eine strenge mathematische Basis für die Quantenmechanik im Rahmen der Theorie
linearer Operatoren auf
Hilberträumen, die er 1932 in seinem Buch
Mathematische Grundlagen der Quantenmechanik beschrieb.
[9] Die in dieser Aufbauphase formulierten Ergebnisse haben bis heute Bestand und werden allgemein zur Beschreibung quantenmechanischer Aufgabenstellungen verwendet.
Grundlegende Eigenschaften
Diese Darstellung geht von der
Kopenhagener Interpretation der Quantenmechanik aus, die ab 1927 vor allem von Niels Bohr und Werner Heisenberg erarbeitet wurde. Trotz ihrer begrifflichen und logischen Schwierigkeiten hat sie gegenüber anderen
Interpretationen bis heute eine vorherrschende Stellung inne. Auf Formeln wird im Folgenden weitgehend verzichtet, Genaueres siehe unter
Mathematische Struktur der Quantenmechanik.
Observable und Zustände
Siehe auch: Zustand (Quantenmechanik)
Im Rahmen der klassischen Mechanik lässt sich aus dem Ort und der Geschwindigkeit eines (punktförmigen) Teilchens bei Kenntnis der wirkenden Kräfte dessen
Bahnkurve vollständig vorausberechnen. Der Zustand des Teilchens lässt sich also eindeutig durch zwei Größen beschreiben, die (immer in idealen Messungen) mit eindeutigem Ergebnis gemessen werden können. Eine gesonderte Behandlung des Zustandes und der Messgrößen (oder „
Observablen“) ist damit in der klassischen Mechanik nicht nötig, weil der Zustand die Messwerte festlegt und umgekehrt.
Die Natur zeigt jedoch Quantenphänomene, die sich mit diesen Begriffen nicht beschreiben lassen. Es ist im Allgemeinen nicht mehr vorhersagbar, an welchem Ort und mit welcher Geschwindigkeit ein Teilchen nachgewiesen wird. Wenn beispielsweise ein
Streuexperiment mit einem Teilchen unter exakt gleichen Ausgangsbedingungen wiederholt wird, muss man für das Teilchen nach dem Streuvorgang immer denselben Zustand ansetzen (siehe
Deterministische Zeitentwicklung), gleichwohl kann es an verschiedenen Orten des Schirms auftreffen. Der Zustand des Teilchens nach dem Streuprozess legt also seine Flugrichtung nicht fest. Allgemein gilt: In der Quantenmechanik gibt es
Zustände, die auch dann nicht die Vorhersage eines einzelnen Messergebnisses ermöglichen, wenn der Zustand exakt bekannt ist. Es lässt sich dann jedem der möglichen
Messwerte nur noch eine Wahrscheinlichkeit zuordnen. Daher werden in der Quantenmechanik Messgrößen und Zustände getrennt behandelt und es werden für diese Größen andere Konzepte verwendet als in der klassischen Mechanik.
Allen messbaren Eigenschaften eines physikalischen Systems werden in der Quantenmechanik mathematische Objekte zugeordnet, die sogenannten Observablen. Beispiele sind der Ort eines Teilchens, sein
Impuls, sein
Drehimpuls oder seine
Energie. Es gibt zu jeder Observablen einen Satz von speziellen Zuständen, bei denen das Ergebnis einer Messung nicht streuen kann, sondern eindeutig festliegt. Ein solcher Zustand wird „
Eigenzustand“ der betreffenden Observablen genannt, und das zugehörige Messergebnis ist einer der „
Eigenwerte“ der Observablen.
[10] In allen anderen Zuständen, die nicht Eigenzustand zu dieser Observablen sind, sind verschiedene Messergebnisse möglich. Sicher ist aber, dass bei dieser Messung einer der Eigenwerte festgestellt wird und dass das System anschließend im entsprechenden Eigenzustand dieser Observablen ist. Zu der Frage, welcher der Eigenwerte für die zweite Observable zu erwarten ist, oder gleichbedeutend: in welchem Zustand sich das System nach dieser Messung befinden wird, lässt sich nur eine Wahrscheinlichkeitsverteilung angeben, die aus dem Anfangszustand zu ermitteln ist.
Verschiedene Observablen haben im Allgemeinen auch verschiedene Eigenzustände. Dann ist für ein System, das sich als Anfangszustand im Eigenzustand einer Observablen befindet, das Messergebnis einer zweiten Observablen unbestimmt. Der Anfangszustand selbst wird dazu als Überlagerung (
Superposition) aller möglichen Eigenzustände der zweiten Observablen interpretiert. Den Anteil eines bestimmten Eigenzustands bezeichnet man als dessen
Wahrscheinlichkeitsamplitude. Das
Betragsquadrat einer Wahrscheinlichkeitsamplitude gibt die Wahrscheinlichkeit an, bei einer Messung am Anfangszustand den entsprechenden Eigenwert der zweiten Observablen zu erhalten (Bornsche Regel oder
Bornsche Wahrscheinlichkeitsinterpretation). Allgemein lässt sich jeder beliebige quantenmechanische Zustand als Überlagerung von verschiedenen Eigenzuständen einer Observablen darstellen. Verschiedene Zustände unterscheiden sich nur dadurch, welche dieser Eigenzustände mit welchem Anteil zu der Überlagerung beitragen.
Bei manchen Observablen, zum Beispiel beim Drehimpuls, sind nur diskrete Eigenwerte erlaubt. Beim Teilchenort hingegen bilden die Eigenwerte ein
Kontinuum. Die Wahrscheinlichkeitsamplitude dafür, das Teilchen an einem bestimmten Ort zu finden, wird deshalb in Form einer ortsabhängigen Funktion, der so genannten
Wellenfunktion angegeben. Das Betragsquadrat der Wellenfunktion an einem bestimmten Ort gibt die räumliche Dichte der Aufenthaltswahrscheinlichkeit an, das Teilchen dort zu finden.
Nicht alle quantenmechanischen Observablen haben einen klassischen Gegenpart. Ein Beispiel ist der
Spin, der nicht auf aus der klassischen Physik bekannte Eigenschaften wie Ladung, Masse, Ort oder Impuls zurückgeführt werden kann.
Mathematische Formulierung
NOPE
Deterministische Zeitentwicklung
→
Hauptartikel: Schrödingergleichung
Die Beschreibung der zeitlichen Entwicklung eines
isolierten Systems erfolgt in der Quantenmechanik analog zur klassischen Mechanik durch eine Bewegungsgleichung, die Schrödingergleichung. Durch Lösen dieser
Differentialgleichung lässt sich berechnen, wie sich die Wellenfunktion des Systems entwickelt:
mit dem
Hamilton-Operator , der die Gesamtenergie des quantenmechanischen Systems beschreibt. Der Hamilton-Operator setzt sich zusammen aus einem Term für die
kinetische Energie der Teilchen des Systems und einem zweiten Term, der im Falle mehrerer Teilchen die Wechselwirkungen zwischen ihnen beschreibt sowie im Fall externer Felder die
potentielle Energie, wobei die externen Felder auch zeitabhängig sein können. Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Teilchen werden also – anders als in der
newtonschen Mechanik – nicht als
Kräfte, sondern ähnlich zur Methodik der klassischen
hamiltonschen Mechanik als
Energieterme beschrieben. Hierbei ist in den typischen Anwendungen auf Atome, Moleküle, Festkörper insbesondere die
elektromagnetische Wechselwirkung relevant.
Die Schrödingergleichung ist eine
partielle Differentialgleichung erster Ordnung in der Zeitkoordinate, die Zeitentwicklung des quantenmechanischen Zustands eines geschlossenen Systems ist also vollständig
deterministisch.
Stationäre Zustände
Wenn der Hamilton-Operator eines Systems nicht selbst von der Zeit abhängt, gibt es für dieses System stationäre Zustände, also solche, die sich im Zeitverlauf nicht ändern. Es sind die Eigenzustände zum Hamilton-Operator. Nur in ihnen hat das System eine wohldefinierte Energie
E, eben den jeweiligen Eigenwert:
Die Schrödingergleichung reduziert sich in diesem Fall auf
und hat die Lösung
Die zeitliche Entwicklung drückt sich also einzig in einem zusätzlichen Exponentialfaktor aus, einem
Phasenfaktor. Das bedeutet, dass der durch
beschriebene Zustand derselbe ist wie
− ein stationärer Zustand eben. Nur die
quantenmechanische Phase ändert sich, und zwar mit der (Kreis-)Frequenz
. Auch für andere Observable als die Energie ist in stationären Zuständen die Wahrscheinlichkeit, einen bestimmten Wert zu messen, von der Zeit unabhängig.
Interferenz
Doppelspaltexperiment mit Teilchen
→
Hauptartikel: Interferenz (Physik)
Das
Doppelspaltexperiment zeigt sowohl die statistische Natur der Quantenmechanik als auch den Interferenzeffekt und ist damit ein gutes Beispiel für den
Welle-Teilchen-Dualismus. Dabei werden mikroskopische „Teilchen“, zum Beispiel Elektronen, in einem breiten Strahl auf ein Hindernis mit zwei eng beieinander liegenden Spalten gesendet und weiter hinten auf einem Leuchtschirm aufgefangen. In der Verteilung der Elektronen auf dem Schirm würde man unter Annahme des klassischen Teilchenmodells zwei klar voneinander abgrenzbare Häufungen erwarten. Das kann man sich so vorstellen, als ob man kleine Kugeln von oben durch zwei Schlitze fallen ließe; diese werden unter jedem Schlitz je einen Haufen bilden. Die mit Elektronen tatsächlich beobachteten Messergebnisse sind anders (siehe Abbildung rechts).
[11] Mit der klassischen Teilchenvorstellung stimmen sie nur insoweit überein, als jedes einzelne Elektron auf dem Schirm genau einen einzigen Leuchtpunkt verursacht. Bei der Ausführung des Experiments mit vielen Elektronen (gleich, ob gleichzeitig oder nacheinander auf die Spalten gesendet) wird die Wahrscheinlichkeitsverteilung der Ortsmesswerte sichtbar, die nicht den klassisch erwarteten zwei Häufungen entspricht. Sie weist stattdessen wie beim Licht ausgeprägte
Interferenzstreifen auf, in denen sich die destruktive und konstruktive Interferenz abwechseln.
Messprozess
→
Hauptartikel: Quantenmechanische Messung
Gemessenes Interferenzmuster von Elektronen hinter einem Doppelspalt
Die Tatsache, dass Messungen eindeutig vorhersagbare Messergebnisse liefern können (nämlich wenn sich das System in einem Eigenzustand zu der zu messenden Observablen befindet), scheint im Widerspruch zu den von der Quantenmechanik postulierten Gesetzmäßigkeiten der Zeitentwicklung des Systemzustands zu stehen: Einerseits erfolgt die Zeitentwicklung des Systemzustands strikt deterministisch, andererseits sind die Messergebnisse im Allgemeinen nur statistisch vorhersagbar. Einerseits sollen den Zuständen des Systems im Allgemeinen überlagerte Linearkombinationen von Eigenzuständen entsprechen, andererseits wird kein verwaschenes Bild mehrerer Werte gemessen, sondern stets ein eindeutiger Wert. Ist ein Messwert einmal erhalten, muss das System sich anschließend in einem Zustand befinden, für den im Fall einer sofort folgenden Wiederholungsmessung derselbe Wert als eindeutiges Ergebnis vorhergesagt werden kann, denn „die Natur macht keine Sprünge“. Eine der hauptsächlichen Herausforderungen für
Interpretationen der Quantenmechanik ist es, diesen scheinbaren Widerspruch, das so genannte
Messproblem, zu erklären.
Eine Klasse von Interpretationen, die sogenannten
Kollaps-Theorien, zu welcher auch die
Kopenhagener Interpretation zählt, erklärt dies mit einem
Kollaps der Wellenfunktion, also einem Übergang des vorher vorliegenden Systemzustands, sofern er nicht schon ein Eigenzustand der gemessenen Observablen ist, in einen solchen Eigenzustand. In den entsprechenden Formulierungen der Quantenmechanik erfolgt dieser Kollaps
beim Vorgang des Messens. Doch dies ist nur eine Umschreibung in der Alltagssprache. Viele Physiker und Interpreten halten es dagegen für notwendig,
in physikalischen Begriffen anzugeben, was genau eine „Messung“ ausmacht. Wenn nämlich die Quantenmechanik die zutreffende grundlegende Theorie über die Welt ist, müsste sie
alle physikalischen Systeme – inklusive der Messvorrichtung selbst – und deren wechselseitige Wirkung aufeinander beschreiben. Dann wird aber auch die Zeitentwicklung ihrer Zustände strikt deterministisch beschrieben – bis unter allen mehr oder minder wahrscheinlichen Ergebnissen
das Messergebnis festgestellt wird, womit sich das Problem wiederholt. Das Problem, wo die Grenze zwischen beschreibenden Quantensystemen und der „Messapparatur“ liegt, wird als
Demarkationsproblem bezeichnet.
Die Kopenhagener Interpretation selbst erklärt den Kollaps und die Fragen zur Demarkation nicht weiter: Eine Messung wird schlicht beschrieben als Interaktion eines
Quantensystems mit einem
Messgerät, das selber als
klassisches physikalisches System aufgefasst wird. Die oben gegebene Beschreibung von
Observablen und Zuständen ist an dieser Interpretation orientiert.
Daraus, dass die Messung einer Observablen das System immer in einem Eigenzustand zurücklässt, der zu dem beobachteten Eigenwert gehört, folgt, dass bei zwei aufeinander folgenden Messungen verschiedener Observablen die Reihenfolge, in der sie durchgeführt werden, die Messergebnisse beeinflussen kann. Das ist immer der Fall, wenn nacheinander zwei Observablen an einem System gemessen werden, das sich nicht in einem gemeinsamen Eigenzustand beider Observablen befindet. Da der Endzustand einer exakten Messung immer ein Eigenzustand der Observablen ist, die gerade gemessen wurde, durchläuft das System bei zwei aufeinander folgenden Messungen von Observablen mit unterschiedlichen Eigenzuständen je nach ihrer Abfolge verschiedene Zustände. Für viele Paare von Observablen trifft dies immer zu, denn sie haben überhaupt keinen gemeinsamen Eigenzustand. Solche Observablen werden
komplementäre Observablen genannt. Ein Beispiel für ein Paar komplementärer Observablen sind Ort und Impuls.
Heisenbergsche Unschärferelation
→
Hauptartikel: Heisenbergsche Unschärferelation
Das Unschärfeprinzip der Quantenmechanik, das in Form der Heisenbergschen Unschärferelation bekannt ist, setzt die kleinstmöglichen theoretisch erreichbaren Unsicherheitsbereiche zweier Messgrößen in Beziehung. Es gilt für jedes Paar von
komplementären Observablen, insbesondere für Paare von Observablen, die wie Ort und
Impuls oder Drehwinkel und
Drehimpuls physikalische Messgrößen beschreiben, die in der klassischen Mechanik als
kanonisch konjugiert bezeichnet werden und kontinuierliche Werte annehmen können.
Hat für das betrachtete System eine dieser Größen einen exakt bestimmten Wert (Unsicherheitsbereich Null), dann ist der Wert der anderen völlig unbestimmt (Unsicherheitsbereich unendlich). Dieser Extremfall ist allerdings nur theoretisch von Interesse, denn keine reale Messung kann völlig exakt sein. Tatsächlich ist der Endzustand der Messung der Observablen
A daher kein reiner Eigenzustand der Observablen
A, sondern eine Überlagerung mehrerer dieser Zustände zu einem gewissen Bereich von Eigenwerten zu
A. Bezeichnet man mit
den Unsicherheitsbereich von
A, mathematisch definiert durch die sog.
Standardabweichung, dann gilt für den ebenso definierten Unsicherheitsbereich
der kanonisch konjugierten Observablen
B die Ungleichung
.
Darin ist
das
Plancksche Wirkungsquantum und
.
Selbst wenn beide Messgeräte beliebig genau messen können, wird die Schärfe der Messung von
B durch die der Messung von
A beschränkt. Es gibt keinen Zustand, in dem die Messwerte von zwei kanonisch konjugierten Observablen mit kleinerer Unschärfe streuen. Für das Beispiel von Ort und Impuls bedeutet das, dass in der Quantenmechanik die Beschreibung der Bewegung eines Teilchens durch eine Bahnkurve nur mit begrenzter Genauigkeit sinnvoll und insbesondere im Innern eines Atoms unmöglich ist.
Eine ähnliche Unschärferelation gilt zwischen Energie und Zeit. Diese nimmt aber hier eine Sonderrolle ein, da in der Quantenmechanik aus formalen Gründen der Zeit keine Observable zugeordnet ist.
Tunneleffekt
→
Hauptartikel: Tunneleffekt
Durchtunneln und Reflexion an einer Potentialbarriere durch ein Elektron-Wellenpaket. Ein Teil des Wellenpaketes geht durch die Barriere hindurch, was nach der klassischen Physik nicht möglich wäre.
Der Tunneleffekt ist einer der bekannteren Quanteneffekte, die im Gegensatz zur klassischen Physik und zur Alltagserfahrung stehen. Er beschreibt das Verhalten eines Teilchens an einer
Potentialbarriere. Im Rahmen der klassischen Mechanik kann ein Teilchen eine solche Barriere nur überwinden, wenn seine Energie höher als der höchste Punkt der Barriere ist, andernfalls prallt es ab. Nach der Quantenmechanik kann das Teilchen hingegen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit die Barriere auch im klassisch verbotenen Fall überwinden. Andererseits wird das Teilchen auch dann mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit an der Barriere reflektiert, wenn seine Energie höher als die Barriere ist. Die Wahrscheinlichkeiten für das Tunneln beziehungsweise für die Reflexion können bei bekannter Form der Potentialbarriere präzise berechnet werden.
Der Tunneleffekt hat eine große Bedeutung in verschiedenen Bereichen der Physik, wie zum Beispiel bei der Beschreibung des
Alpha-Zerfalls, der
Kernfusion, der Funktionsweise der
Feldemissions- und
Rastertunnelmikroskopie oder bei der Erklärung des Zustandekommens der
chemischen Bindung.
Verschränkung, EPR-Experiment
→
Hauptartikel: Quantenverschränkung
Wenn zwei Quantensysteme, jedes in einem wohldefinierten Anfangszustand, miteinander in Wechselwirkung treten, müssen sie als ein Gesamtsystem betrachtet werden. Vor der Wechselwirkung ist der quantenmechanische Zustand dieses Gesamtsystems einfach aus dem Paar der Anfangszustände der beiden Teilsysteme zusammengesetzt. Nachher wird durch Messung festgestellt, welches der möglichen Paare von Endzuständen sich gebildet hat. Es sind mit verschiedener Wahrscheinlichkeit verschiedene Paarungen möglich (z. B. beim Stoß elastischer und inelastischer Stoß, oder Ablenkung um verschiedene Winkel etc.). In jedem dieser Paare sind die Endzustände der Teilsysteme so aufeinander abgestimmt, dass die Erhaltungssätze (Energie, Impuls, Drehimpuls, Ladung etc.) erfüllt sind. Der eindeutig festliegende Zustand des Gesamtsystems ist eine Superposition aller dieser Paarungen und kann nicht einfach aus je einem Endzustand beider Teilsysteme gebildet werden. Dann ist mit einer Messung, die nur an einem Teilsystem ausgeführt wird und dieses in einem bestimmten seiner möglichen Endzustände findet, auch eindeutig festgestellt, dass das andere Teilsystem sich im dazu passenden Endzustand befindet. Es besteht nun eine
Korrelation zwischen den physikalischen Eigenschaften der Teilsysteme. Daher bezeichnet man den Zustand des Gesamtsystems als
verschränkt. Die Verschränkung bleibt auch dann erhalten, wenn der Zeitpunkt der Wechselwirkung schon weit in der Vergangenheit liegt und die zwei Teilsysteme sich inzwischen weit voneinander entfernt haben. Es ist zum Beispiel möglich, ein Paar von Elektronen so zu präparieren, dass sie sich räumlich entfernen und für keins der Elektronen einzeln die Richtung des Spins vorhersagbar ist, während es feststeht, dass das eine Elektron den Spin „down“ aufweist, wenn das andere Elektron mit dem
Spin „up“ beobachtet wurde, und umgekehrt. Diese Korrelationen sind auch beobachtbar, wenn erst nach der Wechselwirkung entschieden wird, welche beliebige Richtung im Raum als Up- bzw. Down-Achse definiert wird.
Folge der Verschränkung ist, dass die Durchführung einer Messung an einem Ort die Messergebnisse an einem (im Prinzip beliebig weit entfernten) anderen Ort beeinflusst, und das ohne jede Zeitverzögerung, also mit
Überlichtgeschwindigkeit. Dieses Phänomen war einer der Gründe, weshalb
Albert Einstein die Quantenmechanik ablehnte. Er betrachtete die
Separierbarkeit physikalischer Systeme (d. h. die Existenz wohlbestimmter lokaler physikalischer Eigenschaften) als ein fundamentales Prinzip der Physik, insbesondere der speziellen
Relativitätstheorie, und versuchte nachzuweisen, dass die Quantenmechanik entweder das Prinzip der Separierbarkeit verletzt oder unvollständig ist.
[12] Gemeinsam mit
Boris Podolsky und
Nathan Rosen entwickelte Einstein ein
Gedankenexperiment, das als
Einstein-Podolsky-Rosen-Paradoxon bekannt wurde. Dieses Gedankenexperiment erwies sich in seiner ursprünglichen Formulierung als nicht praktisch durchführbar. Jedoch gelang es
John Stewart Bell im Jahr 1964, aus Einsteins zentraler Prämisse der Existenz lokaler physikalischer Eigenschaften die experimentell überprüfbare
Bellsche Ungleichung zu gewinnen.
[13] Alle bislang vorliegenden experimentellen Untersuchungen haben die Verletzung der Bellschen Ungleichung gezeigt, damit Einstein widerlegt und die Voraussagen der Quantenmechanik bestätigt.
[14]
Weiterhin zeigt die genaue theoretische Analyse des EPR-Effektes, dass dieser doch nicht im Widerspruch zur
speziellen Relativitätstheorie steht, da auf diese Weise keine Information übertragen werden kann: Die einzelne Messung ergibt – unabhängig davon, ob das andere Teilchen bereits gemessen wurde – stets ein am Ort und zum Zeitpunkt der Messung unvorhersagbares Ergebnis. Erst, wenn das Ergebnis der anderen Messung – frühestens durch Kommunikation mit Lichtgeschwindigkeit – bekannt wird, kann man die Korrelation feststellen oder ausnutzen.
Identische Teilchen, Pauli-Prinzip
→
Hauptartikel: Ununterscheidbare Teilchen und Pauli-Prinzip
Durch die prinzipielle Unmöglichkeit, den Zustand eines quantenphysikalischen Systems nach klassischen Maßstäben „vollständig“ zu bestimmen, verliert eine Unterscheidung zwischen mehreren Teilchen mit gänzlich identischen intrinsischen Eigenschaften (wie beispielsweise
Masse oder
Ladung, nicht aber zustandsabhängigen Größen wie Energie oder Impuls) in der Quantenmechanik ihren Sinn. Nach den Vorstellungen der klassischen Mechanik können beliebig genaue Orts- und Impulsmessungen simultan an mehreren Teilchen durchgeführt werden – ob identisch oder nicht –, woraus (zumindest prinzipiell) die zukünftige Bahn jedes Teilchens genau vorhergesagt werden kann. Findet man später ein Teilchen an einem bestimmten Ort, kann man ihm eindeutig seinen Ausgangspunkt zuordnen und mit Sicherheit sagen, an beiden Orten habe es sich um
dasselbe Teilchen gehandelt. Eine quantenmechanische Betrachtung lässt eine solche „Durchnummerierung“ von identischen Teilchen nicht zu. Das ist deshalb wichtig, weil z. B. alle Elektronen in diesem Sinne identische Teilchen sind. Es ist also beispielsweise unmöglich die Frage zu beantworten, ob bei zwei aufeinander folgenden Messungen an einzelnen Elektronen „dasselbe“ oder ein „anderes“ Elektron beobachtet wurde. Hier sind die Worte „dasselbe“ und „anderes“ in Anführungszeichen gesetzt, weil sie zwar umgangssprachlich klar erscheinen mögen, für identische Teilchen aber gar keinen Sinn ergeben. Es ist nicht nur
unmöglich, die gestellte Frage zu beantworten, sie lässt sich schon gar nicht physikalisch sinnvoll stellen.
Da das Vertauschen zweier identischer Teilchen keine der physikalischen Eigenschaften des Zustands eines
Vielteilchensystems ändert, muss der Zustandsvektor gleich bleiben oder kann höchstens sein Vorzeichen wechseln. Identische Teilchen bezeichnet man als
Bosonen, wenn bei deren Vertauschung der Zustandsvektor gleich bleibt, als
Fermionen, wenn er das Vorzeichen wechselt. Das
Spin-Statistik-Theorem besagt, dass alle Teilchen mit ganzzahligem
Spin Bosonen sind (z. B. die Photonen) und alle Teilchen mit halbzahligem Spin Fermionen. Dies lässt sich nicht im Rahmen der Quantenmechanik, sondern erst aus der
Quantenfeldtheorie ableiten.
Eine wichtige Konsequenz ist die als „
Pauli-Prinzip“ bekannte Regel, dass zwei identische Fermionen nicht die gleichen Einteilchenzustände einnehmen können. Es schließt bei den Atomen die Mehrfachbesetzung elektronischer Zustände aus und erzwingt deren „Auffüllung“ bis zur
Fermienergie. Das ist von großer praktischer Bedeutung, denn es ermöglicht den Atomen, vielgestaltige
chemische Verbindungen einzugehen. Das Spin-Statistik-Theorem bewirkt außerdem erhebliche Unterschiede im thermodynamischen Verhalten zwischen Systemen mit vielen identischen Teilchen. Bosonen gehorchen der
Bose-Einstein-Statistik, die z. B. die Wärmestrahlung beschreibt, Fermionen der
Fermi-Dirac-Statistik, die z. B. die elektronischen Eigenschaften von Leitern und Halbleitern erklärt.
Weiterführende Aspekte
Dekohärenz
→
Hauptartikel: Dekohärenz
a) klassische Streuung
b) Dekohärenz durch Delokalisierung der quantenmechanischen Kohärenz
Die
Dekohärenz ist ein modernes Konzept der Quantenmechanik, das bei makroskopischen Systemen die äußerst effiziente Unterdrückung der Folgen der
Kohärenz beschreibt. Damit kann im Rahmen der Quantenmechanik erklärt werden, dass makroskopische Systeme keine Superpositionseffekte zeigen, sich also (von Ausnahmen abgesehen) „klassisch“ verhalten. Dekohärenz ist damit heute ein wichtiger Bestandteil des
Korrespondenzprinzips der Quantenmechanik.
Zur Veranschaulichung dieses Effektes sei das Beispiel eines makroskopischen Objekts betrachtet, das dem Einfluss einer isotropen Lichtstrahlung – im Folgenden auch als
Umgebung bezeichnet – ausgesetzt ist.
[15] Im Rahmen der klassischen Physik ist der Einfluss des einfallenden Lichts auf die Bewegung des Objekts vernachlässigbar, da der mit dem Stoß eines
Photons verbundene Impulsübertrag sehr gering ist und sich die Stöße aus verschiedenen Richtungen im Mittel kompensieren. Bei quantenmechanischer Betrachtung findet bei jedem Stoß eine
Verschränkung des Objekts mit einem Photon statt (siehe
oben), sodass das Objekt und das Photon nun als ein erweitertes Gesamtsystem betrachtet werden müssen. Die für Interferenzeffekte entscheidenden festen Phasenbeziehungen des quantenmechanischen Zustands erstrecken sich nun also über zwei Teilsysteme, das Objekt und das Photon, man spricht auch von einer Delokalisierung der Kohärenz.
Bei isolierter Betrachtung des (Teil)zustands des Objekts äußert sich jeder Stoß in einer Verschiebung seiner quantenmechanischen Phasenbeziehungen und damit in einer Verringerung seiner Interferenzfähigkeit. Hierbei handelt es sich um einen reinen Quanteneffekt, der unabhängig von einem mit dem Stoß verbundenen Impuls- oder Energieübertrag ist. Die praktisch unvermeidlichen, zahlreich auftretenden Wechselwirkungen makroskopischer Objekte mit ihrer Umgebung führen so zu einer effektiven Ausmittelung aller quantenmechanischen Interferenzeffekte. Die für die Dekohärenz charakteristische Zeitskala, die Dekohärenzzeit
, ist im Allgemeinen unter
Normalbedingungen äußerst kurz (z. B. etwa
),
[16] die Dekohärenz gilt daher als der effizienteste bekannte physikalische Effekt. Bei makroskopischen („klassischen“) Objekten sind daher nur noch solche Zustände anzutreffen, die den Prozess der Dekohärenz schon abgeschlossen haben und ihm nicht weiter unterworfen sind. Die verbleibende inkohärente Überlagerung quantenmechanischer Zustände entspricht demnach genau den Zuständen der makroskopischen bzw. klassischen Physik. Die Dekohärenz liefert so eine quantenmechanische Erklärung für das klassische Verhalten von makroskopischen Systemen.
Relativistische Quantenmechanik
Feynman-Diagramme sind eine Notation für Teilchenreaktionen in der Quantenfeldtheorie.
Die Quantenmechanik wurde zuerst noch ohne Berücksichtigung der
speziellen Relativitätstheorie entwickelt. Die Schrödingergleichung ist eine Differentialgleichung erster Ordnung in der Zeit, aber zweiter Ordnung in der Raumkoordinate, sie ist also nicht
relativistisch kovariant. In der relativistischen Quantenmechanik muss sie durch eine kovariante Gleichung ersetzt werden. Nach der (quadratischen)
Klein-Gordon-Gleichung setzte sich vor allem die (lineare)
Dirac-Gleichung durch.
Mit der Dirac-Gleichung konnten wichtige am Elektron beobachtete physikalische Phänomene erstmals erklärt oder sogar vorhergesagt werden. Während der halbzahlige
Spin in der nichtrelativistischen Quantenmechanik ad hoc als zusätzliches Konstrukt und entgegen den Regeln der Drehimpulsquantelung eingeführt werden muss, ergibt sich seine Existenz zwanglos aus der mathematischen Struktur der Dirac-Gleichung. Auch folgt aus der Dirac-Gleichung richtig, dass das
magnetische Moment des Elektrons im Verhältnis zum Spin, der
gyromagnetische Faktor, fast genau doppelt so groß ist wie das für eine kreisende Ladung. Auch die
Feinstruktur des Wasserstoffspektrums erweist sich als ein relativistischer Effekt, der mit der Dirac-Gleichung berechnet werden kann. Eine weitere erfolgreiche Anwendung der Dirac-Gleichung ist die Beschreibung der Winkelverteilung bei der Streuung von Photonen an Elektronen, also des
Compton-Effekts, durch die so genannte
Klein-Nishina-Formel. Eine weitere zutreffende Folge der Dirac-Gleichung war die zu ihrer Zeit ungeheuerliche Vorhersage der Existenz eines
Antiteilchens zum Elektron, des
Positrons.
Trotz dieser Erfolge sind diese Theorien jedoch insofern lückenhaft, als sie die Erzeugung und Vernichtung von Teilchen nicht beschreiben können, einen bei hoch-relativistischen Energien allgegenwärtigen Effekt. Als sehr fruchtbar erwies sich hier die Entwicklung der
Quantenfeldtheorie. In dieser Theorie werden sowohl materielle Objekte als auch deren Wechselwirkungen durch
Felder beschrieben, die gemäß bestimmten Quantisierungsregeln, wie z. B. der
zweiten Quantisierung, quantisiert werden. Die Quantenfeldtheorie beschreibt nicht nur die Entstehung und Vernichtung von Elementarteilchen (
Paarerzeugung,
Annihilation), sondern liefert auch eine tiefere Erklärung für deren
Ununterscheidbarkeit, für den
Zusammenhang zwischen Spin und Statistik von Quantenobjekten sowie für die Existenz von
Antiteilchen.
[17]
Interpretation
→
Hauptartikel: Interpretationen der Quantenmechanik
Die klassischen physikalischen Theorien, zum Beispiel die
klassische Mechanik oder die
Elektrodynamik, haben eine klare Interpretation, das heißt, den Symbolen der Theorie (Ort, Geschwindigkeit, Kraft beziehungsweise Spannungen und Felder) ist eine intuitive, klare Entsprechung in Experimenten (also eine messbare Größe) zugeordnet. Da die Quantenmechanik in ihrer mathematischen Formulierung auf sehr abstrakten Objekten, wie etwa Wellenfunktionen, basiert, ist eine Interpretation nicht mehr intuitiv möglich. Daher wurden seit dem Zeitpunkt der Entstehung der Theorie eine Reihe verschiedener Interpretationen vorgeschlagen. Sie unterscheiden sich in ihren Aussagen über die
Existenz von Quantenobjekten und ihren Eigenschaften.
Die Standpunkte der meisten Interpretationen der Quantenmechanik können grob in zwei Gruppen aufgeteilt werden, die
instrumentalistische Position und die
realistische Position.
[18] Gemäß der instrumentalistischen Position stellt die Quantenmechanik, beziehungsweise ein auf ihrer Basis ausgearbeitetes Modell, keine Abbildung der „Realität“ dar. Vielmehr handele es sich bei dieser Theorie lediglich um einen nützlichen mathematischen Formalismus, der sich als Werkzeug zur Berechnung von Messergebnissen bewährt hat. Diese ursprünglich insbesondere von Bohr im Rahmen der
Kopenhagener Interpretation vertretene pragmatische Sicht dominierte bis in die 1960er Jahre die Diskussion um die Interpretation der Quantenmechanik und prägt bis heute viele gängige Lehrbuchdarstellungen.
[19]
Neben dieser pragmatischen Variante der
Kopenhagener Interpretation existiert heute eine Vielzahl alternativer Interpretationen, die bis auf wenige Ausnahmen das Ziel einer realistischen Deutung der Quantenmechanik verfolgen. In der Wissenschaftstheorie wird eine Interpretation als
wissenschaftlich-realistisch bezeichnet, wenn sie davon ausgeht, dass die Objekte und Strukturen der Theorie treue Abbildungen der Realität darstellen und dass sowohl ihre Aussagen über beobachtbare Phänomene als auch ihre Aussagen über nicht beobachtbare Entitäten als (näherungsweise) wahr angenommen werden können.
In vielen Arbeiten zur Quantenphysik wird Realismus gleichgesetzt mit dem Prinzip der Wertdefiniertheit.
[20][21] Dieses Prinzip basiert auf der Annahme, dass einem physikalischen Objekt
physikalische Eigenschaften zugeordnet werden können, die es mit einem bestimmten Wert eindeutig entweder
hat oder
nicht hat. Beispielsweise spricht man bei der Beschreibung der Schwingung eines Pendels davon, dass das Pendel (zu einem bestimmten Zeitpunkt, und innerhalb einer gegebenen Genauigkeit) eine Auslenkung
x hat.
In der Kopenhagener Interpretation wird die Annahme der Wertdefiniertheit aufgegeben. Ein Quantenobjekt hat demnach im Allgemeinen keine solchen Eigenschaften, vielmehr entstehen Eigenschaften erst im Moment und im speziellen Kontext der Durchführung einer Messung. Die Schlussfolgerung, dass die Wertdefiniertheit aufgegeben werden muss, ist allerdings weder aus logischer noch aus empirischer Sicht zwingend. So geht beispielsweise die (im Experiment von der Kopenhagener Interpretation nicht unterscheidbare)
De-Broglie-Bohm-Theorie davon aus, dass Quantenobjekte Teilchen sind, die sich entlang wohldefinierter Bahnkurven bewegen, wobei diese Bahnen selbst aber der Beobachtung entzogen sind.
Zusammenhänge mit anderen physikalischen Theorien
Klassischer Grenzfall
Niels Bohr formulierte 1923 das sogenannte
Korrespondenzprinzip, wonach die Eigenschaften von Quantensystemen im Grenzwert großer Quantenzahlen mit hoher Genauigkeit den Gesetzen der klassischen Physik entsprechen. Dieser Grenzwert bei großen Systemen wird als „klassischer Grenzfall“ oder „Korrespondenz-Limit“ bezeichnet. Hintergrund dieses Prinzips ist, dass klassische Theorien wie die
klassische Mechanik oder die
klassische Elektrodynamik an makroskopischen Systemen (Federn, Kondensatoren etc.) entwickelt wurden und diese daher sehr genau beschreiben können. Daraus resultiert die Erwartung, dass die Quantenmechanik im Falle „großer“ Systeme diese klassischen Eigenschaften reproduziert beziehungsweise ihnen nicht widerspricht.
Ein wichtiges Beispiel für diesen Zusammenhang zwischen der klassischen Mechanik und der Quantenmechanik ist das
Ehrenfestsche Theorem. Es besagt, dass die Mittelwerte der quantenmechanischen Orts- und Impulsobservablen eines Teilchens in guter Näherung der klassischen Bewegungsgleichung folgen, sofern die Kräfte, die auf das Teilchen wirken, nicht zu stark mit dem Ort variieren.
Das Korrespondenzprinzip ist daher ein wichtiges Hilfsmittel bei der Konstruktion und Verifikation quantenmechanischer Modellsysteme: Zum einen liefern „klassische“ Modelle mikroskopischer Systeme wertvolle heuristische Anhaltspunkte zur quantenmechanischen Beschreibung des Systems. Zum anderen kann die Berechnung des klassischen Grenzfalls zur Plausibilisierung der quantenmechanischen Modellrechnungen herangezogen werden. Sofern sich im klassischen Grenzfall physikalisch unsinnige Resultate ergeben, kann das entsprechende Modell verworfen werden.
Umgekehrt bedeutet diese Korrespondenz aber auch, dass die korrekte quantenmechanische Beschreibung eines Systems, inklusive einiger nicht-klassischer Effekte wie etwa des
Tunneleffekts, oft näherungsweise mittels klassischer Begriffe möglich ist; solche Näherungen erlauben oft ein tieferes Verständnis der quantenmechanischen Systeme. Man spricht hier auch von
semiklassischer Physik. Beispiele für semiklassische Beschreibungen sind die
WKB-Näherung und die
Gutzwillersche Spurformel.
Allerdings besitzen die oben beschriebenen Korrespondenzregeln keine universale Gültigkeit, da sie nur unter bestimmten einschränkenden Randbedingungen gelten und die Dekohärenz (siehe
oben) nicht berücksichtigen.
[22][23][24][25] Weiterhin nähern sich nicht alle Quanteneffekte bei Anwendung der Korrespondenzregeln einem klassischen Grenzfall. Wie bereits das
Schrödingers-Katze-Gedankenexperiment veranschaulicht, können „kleine“ Quanteneffekte, wie z. B. der Zerfall eines radioaktiven Atoms, durch Verstärker prinzipiell beliebig vergrößert werden. Zwar bewirken Dekohärenzeffekte bei makroskopischen Systemen in der Regel eine sehr effiziente Ausmittelung von Interferenzeffekten, jedoch weist auch der Zustand makroskopischer Systeme noch quantenmechanische Korrelationen auf, die z. B. in Form der so genannten
Leggett-Garg-Ungleichungen in experimentell überprüfbarer Form beschrieben werden können.
[26] Ein weiteres Beispiel für Quanteneffekte, für die keine Korrespondenzregel gilt, sind die Folgen der
Ununterscheidbarkeit gleicher Teilchen, etwa die
Verdoppelung der Wahrscheinlichkeit einer Ablenkung um 90° beim Stoß (neben weiteren Interferenzerscheinungen in der Winkelverteilung), ganz gleich, wie gering die Energie der Teilchen ist und wie weit entfernt voneinander sie bleiben, wenn es sich nur um zwei
gleiche Bosonen (z. B. α-Teilchen) handelt.
Verhältnis zur allgemeinen Relativitätstheorie
→
Hauptartikel: Quantengravitation
Da die
Gravitationskraft im Vergleich zu den anderen
Grundkräften der Physik sehr schwach ist, treten
allgemein-relativistische Effekte hauptsächlich bei massiven Objekten, wie z. B. Sternen oder
schwarzen Löchern auf, während Quanteneffekte überwiegend bei mikroskopischen Systemen beobachtet werden. Daher gibt es nur wenige empirische Daten zu Quanteneffekten, die durch die Gravitation verursacht sind. Zu den wenigen verfügbaren experimentellen Ergebnissen gehören das
Pound-Rebka-Experiment und der Nachweis diskreter
gebundener Zustände von Neutronen im Gravitationsfeld.
[27][28]
Die oben genannten Experimente können im Rahmen der nicht-relativistischen Quantenmechanik beschrieben werden, indem für den
Potentialterm der Schrödingergleichung das Gravitationspotential verwendet wird.
[27] Die Gravitation wird hier als klassisches (also nicht quantisiertes) Feld betrachtet, eine Vereinheitlichung der Gravitation mit den übrigen drei
Grundkräften der Physik, die in ihrer allgemeinsten Form als
Quantenfeldtheorien formuliert sind, lässt sich auf diesem Weg also nicht erreichen. Die Vereinheitlichung der Quantentheorie mit der allgemeinen Relativitätstheorie ist ein aktuelles Forschungsthema; der aktuelle Stand ist im Artikel
Quantengravitation beschrieben.
Anwendungen
Quantenphysikalische Effekte spielen bei zahlreichen Anwendungsfällen der modernen Technik eine wesentliche Rolle. Beispiele sind der
Laser, das
Elektronenmikroskop, die
Atomuhr oder in der Medizin die
bildgebenden Verfahren auf Basis von
Röntgenstrahlung bzw.
Kernspinresonanz. Die Untersuchung von
Halbleitern führte zur Erfindung der
Diode und des
Transistors, ohne die es die moderne
Elektronik nicht gäbe. Auch bei der Entwicklung von
Kernwaffen spielen die Konzepte der Quantenmechanik eine wesentliche Rolle.
Bei der Erfindung beziehungsweise Entwicklung dieser und zahlreicher weiterer Anwendungen kommen die Konzepte und der mathematische Formalismus der Quantenmechanik jedoch nur selten direkt zum Einsatz (eine bemerkenswerte Ausnahme sind die aktuellen Arbeiten zur Entwicklung eines
Quantencomputers). In der Regel sind hierfür die anwendungsnäheren Konzepte, Begriffe und Regeln der Festkörperphysik, der Chemie, der Materialwissenschaften oder der Kernphysik von größerer praktischer Bedeutung. Die Relevanz der Quantenmechanik ergibt sich hingegen aus der überragenden Bedeutung, die diese Theorie bei der Formulierung des theoretischen Fundamentes vieler wissenschaftlicher Disziplinen hat.
Im Folgenden sind einige Beispiele für Anwendungen der Quantenmechanik beschrieben:
Atomphysik und Chemie
5f-2-Orbital des Wasserstoffatoms
Die chemischen Eigenschaften aller Stoffe sind ein Ergebnis der elektronischen Struktur der Atome und Moleküle, aus denen sie aufgebaut sind. Grundsätzlich lässt sich diese elektronische Struktur durch Lösung der Schrödingergleichung für alle involvierten Atomkerne und Elektronen quantitativ berechnen. Eine exakte analytische Lösung ist jedoch nur für den Spezialfall der wasserstoff-ähnlichen Systeme – also Systeme mit einem Atomkern und einem Elektron – möglich. Bei komplexeren Systemen – also in praktisch allen realen Anwendungen in der Chemie oder der Biologie – kann die Vielteilchen-Schrödingergleichung daher nur unter Verwendung von
numerischen Methoden gelöst werden. Diese Berechnungen sind bereits für einfache Systeme sehr aufwändig. Beispielsweise dauerte die
ab-initio-Berechnung der Struktur und des Infrarot-Spektrums von
Propan mit einem marktgängigen
PC im Jahre 2010 einige Minuten, die entsprechende Berechnung für ein
Steroid bereits mehrere Tage.
[29] Daher spielen in der
theoretischen Chemie Modellvereinfachungen und numerische Verfahren zur effizienten Lösung der Schrödingergleichung eine große Rolle, und die Entwicklung entsprechender Verfahren hat sich zu einer eigenen umfangreichen Disziplin entwickelt.
Ein in der Chemie besonders häufig verwendetes, stark vereinfachtes Modell ist das
Orbitalmodell. Bei diesem Modell wird der Vielteilchenzustand der Elektronen der betrachteten Atome durch eine Summe der Einteilchenzustände der Elektronen gebildet. Das Modell beinhaltet verschiedene Näherungen (unter anderem: Vernachlässigung der Coulomb-Abstoßung der Elektronen untereinander, Entkopplung der Bewegung der Elektronen von der Kernbewegung), erlaubt jedoch eine näherungsweise korrekte Beschreibung der Energieniveaus des Atoms. Der Vorteil dieses Modells liegt neben der vergleichsweise einfachen Berechenbarkeit insbesondere in der anschaulichen Aussagekraft sowohl der
Quantenzahlen als auch der grafischen Darstellung der Orbitale.
Das Orbitalmodell erlaubt die Klassifizierung von
Elektronenkonfigurationen nach einfachen Aufbauregeln (
Hundsche Regeln). Auch die Regeln zur chemischen Stabilität (
Oktettregel bzw.
Edelgasregel,
Magische Zahlen) und die Systematik des
Periodensystems der Elemente lassen sich durch dieses quantenmechanische Modell rechtfertigen.
Durch
Linearkombination mehrerer Atom-Orbitale lässt sich die Methode auf sogenannte
Molekülorbitale erweitern, wobei Rechnungen in diesem Fall wesentlich aufwändiger werden, da Moleküle keine Kugelsymmetrie aufweisen. Die Berechnung der Struktur und der chemischen Eigenschaften komplexer Moleküle auf Basis von Näherungslösungen der Schrödingergleichung ist der Gegenstand der
Molekularphysik. Dieses Gebiet legte den Grundstein für die Etablierung der
Quantenchemie beziehungsweise der
Computerchemie als Teildisziplinen der
theoretischen Chemie.
Siehe auch: Hartree-Fock-Methode und Dichtefunktionaltheorie (Quantenphysik)
Kernphysik
→
Hauptartikel: Atomkern
Einfaches Modell des Alphazerfalls: Im Inneren des Kerns verbinden sich Nukleonen zu Alphateilchen, die den
Coulombwall durch Tunneln überwinden können.
Die
Kernphysik ist ein weiteres großes Anwendungsgebiet der Quantentheorie. Atomkerne sind aus
Nukleonen zusammengesetzte Quantensysteme mit einer sehr komplexen Struktur. Bei ihrer theoretischen Beschreibung kommen – abhängig von der konkreten Fragestellung – eine Reihe konzeptionell sehr unterschiedlicher
Kernmodelle zur Anwendung, die in der Regel auf der Quantenmechanik oder der Quantenfeldtheorie basieren.
[30][31] Im Folgenden sind einige wichtige Anwendungsfälle der Quantenmechanik in der Kernphysik aufgeführt:
- Einteilchenmodelle gehen davon aus, dass sich die Nukleonen innerhalb des Atomkerns frei bewegen können. Der Einfluss der anderen Nukleonen wird durch ein mittleres Kernpotential beschrieben. Beispiele: Schalenmodell, Fermigasmodell.
- Clustermodelle beschreiben Kerne als Aggregate von kleinen Nukleonen-Clustern, insbesondere Alphateilchen, die sich durch eine hohe Bindungsenergie auszeichnen. Zu den physikalischen Prozessen, die mit diesem Modell erklärt werden können, zählt der Alphazerfall: Bestimmte instabile Kerne, wie z. B. zerfallen durch Emission von Alphateilchen, wobei die Zerfallswahrscheinlichkeit quantenmechanisch durch den Tunneleffekt beschrieben werden kann.[32]
- Die quantenmechanische Streutheorie ist die Grundlage zur Berechnung von Streuquerschnitten, die einen Vergleich von Modellrechnungen und den Ergebnissen von Streuexperimenten ermöglichen. Ein häufig verwendetes Näherungsverfahren ist Fermis goldene Regel, die die Übergangsrate (Übergangswahrscheinlichkeit pro Zeit) eines Anfangszustands in einen anderen Zustand unter dem Einfluss einer Störung beschreibt.
Festkörperphysik
Bandstruktur von
Silicium entlang den Symmetrierichtungen
Die Vielzahl prinzipiell möglicher chemischer Zusammensetzungen von
kondensierter Materie – also von makroskopischer Materie im festen oder flüssigen
Zustand – und die große Anzahl an Atomen, aus welchen kondensierte Materie besteht, spiegelt sich in einer großen Vielfalt von Materialeigenschaften wider (siehe Hauptartikel
Materie). Die meisten dieser Eigenschaften lassen sich nicht im Rahmen der klassischen Physik beschreiben, während sich quantenmechanische Modelle kondensierter Materie als überaus erfolgreich erwiesen haben.
Aufgrund der großen Anzahl beteiligter Teilchen ist eine direkte Lösung der Schrödingergleichung für alle mikroskopischen Komponenten eines makroskopischen Stückes Materie unpraktikabel. Stattdessen werden Modelle und Lösungsverfahren angewendet, die an die zugrundeliegende Materiegattung (
Metall,
Halbleiter,
Ionenkristall etc.) und an die zu untersuchenden Eigenschaften angepasst sind. In den gängigen Modellen kondensierter Materie sind Atomkerne und Elektronen die relevanten Grundbausteine kondensierter Materie. Hierbei werden in der Regel Atomkerne und
innere Elektronen zu einem Ionenrumpf zusammengefasst, wodurch sich die Anzahl der im Modell zu berücksichtigenden Komponenten und Wechselwirkungen stark reduziert. Von den 4
Grundkräften der Physik wird lediglich die
elektromagnetische Wechselwirkung berücksichtigt, die Gravitation und die Kernkräfte sind hingegen für die in der Physik kondensierter Materie betrachteten Effekte und Energieskalen irrelevant.
Trotz dieser Vereinfachungen handelt es sich bei Modellen kondensierter Materie um komplexe quantenmechanische
Vielteilchenprobleme, wobei insbesondere die Berücksichtigung der Elektron-Elektron-Wechselwirkung eine Herausforderung darstellt. Für viele Anwendungszwecke, wie z. B. die Berechnung der
Ladungsverteilung, des
Phononenspektrums oder der strukturellen Eigenschaften, ist die Berechnung des elektronischen
Grundzustandes ausreichend. In diesem Fall kann das elektronische Vielteilchenproblem unter Anwendung der
Dichtefunktionaltheorie oder anderer Verfahren als ein effektives Einteilchenproblem umformuliert werden, welches heute routinemäßig auch für komplexe Systeme berechnet werden kann.
[33]
Häufig sind neben den Grundzustandseigenschaften auch die
elementaren Anregungen kondensierter Materie von Interesse. Beispielsweise basieren alle experimentellen Methoden der
Festkörperspektroskopie auf dem Prinzip, dass durch einen externen Stimulus (z. B. Licht oder Neutronen) bestimmte
Freiheitsgrade einer Probe angeregt bzw. abgeregt werden. Bei den elementaren Anregungen handelt es sich um kollektive quantenmechanische Effekte, denen – ähnlich einem freien Quantenobjekt – eine Energie und eine Wellenlänge bzw. ein Wellenvektor zugeordnet werden kann, weshalb sie auch als
Quasiteilchen bezeichnet werden. Beispiele sind das Phonon (Energiequant der Gitterschwingung), oder das
Exciton (Elektron-Loch-Paar). Quasiteilchen verschiedener Typen können miteinander wechselwirken und so aneinander
streuen oder sich verbinden und neue Quantenobjekte mit Eigenschaften bilden, die sich drastisch von den Eigenschaften freier Elektronen unterscheiden. Ein bekanntes Beispiel sind die
Cooper-Paare, die gemäß der
BCS-Theorie die
Supraleitung von Metallen ermöglichen.
Quanteninformatik
Von aktuellem Interesse ist die Suche nach robusten Methoden zur direkten Manipulation von Quantenzuständen.
[34] Es werden zurzeit größere Anstrengungen unternommen, einen
Quantencomputer zu entwickeln, welcher durch Ausnutzung der verschiedenen Eigenzustände und der Wahrscheinlichkeitsnatur eines quantenmechanischen Systems hochparallel arbeiten würde.
[34] Einsatzgebiet eines solchen Quantenrechners wäre beispielsweise das Knacken moderner
Verschlüsselungsmethoden. Im Gegenzug hat man mit der
Quantenkryptographie ein System zum theoretisch absolut sicheren Schlüsselaustausch gefunden, in der Praxis ist diese Methode häufig etwas abgewandelt und unsicherer, da es hier auch auf die Übertragungsgeschwindigkeit ankommt. Ein weiteres aktuelles Forschungsgebiet ist die
Quantenteleportation, die sich mit Möglichkeiten zur Übertragung von Quantenzuständen über beliebige Entfernungen beschäftigt.
[35]
Rezeption
Physik
Zwei Jahre nach den ersten Veröffentlichungen hatte sich die Quantenmechanik in der
Kopenhagener Interpretation durchgesetzt. Als wichtiger Meilenstein gilt die
fünfte Solvay-Konferenz im Jahr 1927. Rasch erlangte die Theorie den Status einer zentralen Säule im
Theoriengebäude der Physik.
[36] Im Hinblick auf ihre Leistungsfähigkeit bei konkreten Anwendungen (jedoch nicht im Hinblick auf ihre Interpretation, siehe
oben) ist die Quantenmechanik bis heute praktisch unumstritten. Zwar existieren eine Reihe alternativer, empirisch nicht-äquivalenter Theorien, wie die Familie der
Dynamischer-Kollaps-Theorien oder die Nichtgleichgewichts-Versionen der
De-Broglie-Bohm-Theorie, jedoch haben diese Theorien gegenüber der Quantenmechanik nur eine marginale Bedeutung.
[37]
Für die Entwicklung der Quantenmechanik wurden mehrere
Nobelpreise der Physik vergeben:
Jahr Name Begründung für die Preisvergabe
1932
Werner Heisenberg
(verliehen 1933) „für die Begründung der Quantenmechanik, deren Anwendung zur Entdeckung
der
allotropen Formen des
Wasserstoffs geführt hat“
1933
Erwin Schrödinger und
P. A. M. Dirac „für die Entdeckung neuer produktiver Formen der Atomtheorie“
1945
Wolfgang Pauli „für die Entdeckung des als
Pauli-Prinzip bezeichneten Ausschlussprinzips“
1954
Max Born „für seine grundlegenden Forschungen in der Quantenmechanik,
besonders für seine statistische Interpretation der
Wellenfunktion“
Hinzu kam eine Reihe weiterer Nobelpreise für Weiterentwicklungen und Anwendungen der Quantenmechanik sowie für die Entdeckung von Effekten, die nur im Rahmen der Quantenmechanik erklärt werden können (siehe
Liste der Nobelpreisträger für Physik). Auch einige
Nobelpreise für Chemie wurden für erfolgreiche Anwendungen der Quantenmechanik vergeben, darunter die Preise an
Robert Mulliken (1929, „für seine grundlegenden Arbeiten über die chemischen Bindungen und die Elektronenstruktur der Moleküle mit Hilfe der Orbital-Methode“), an
Walter Kohn (1998, „für seine Entwicklung quantenchemischer Methoden“) oder an
John Anthony Pople (1998, „für die Entwicklung von Methoden, mit denen die Eigenschaften von Molekülen und deren Zusammenwirken in chemischen Prozessen theoretisch erforscht werden können“).
Populärwissenschaftliche Darstellungen
Bereits kurz nach Begründung der Quantenmechanik veröffentlichten verschiedene Quantenphysiker, z. B. Born, de Broglie, Heisenberg oder Bohr, eine Reihe semi-populärwissenschaftlicher Bücher, die sich insbesondere mit philosophischen Aspekten der Theorie befassten.
[38] Der Physiker
G. Gamov veranschaulichte in seinem Buch
Mr. Tompkins Explores the Atom die Eigenschaften von Quantenobjekten, indem er seinen Protagonisten verschiedene Abenteuer in einer fiktiven Quantenwelt erleben lässt. Auch die 1964 veröffentlichten
Feynman-Vorlesungen über Physik, echte Lehrbücher, aber für die damalige Zeit sensationell anregend geschrieben, wurden in hohen Stückzahlen verkauft.
[39] Allerdings erreichten Publikationen über die Quantenmechanik bis in die 1970er Jahre bei weitem nicht das Maß an öffentlicher Wahrnehmung, welches beispielsweise der Relativitätstheorie und der Kosmologie zuteilwurde. Weiterhin prägten die praktischen Auswirkungen der
Kernphysik, insbesondere die Risiken von Kernwaffen und Kernenergie, die öffentliche Diskussion über die moderne Physik.
[38]
Auch in Film und Fernsehen wurde die Quantenmechanik gelegentlich in populärwissenschaftlicher Form dargestellt, z. B. in Sendungen des Physikers
H. Lesch.
Einfluss auf populäre Kultur, Geisteswissenschaften und Esoterik
F. Capras Buch
Das Tao der Physik verbindet Konzepte der Quantenmechanik mit fernöstlichem Mystizismus
Mit dem Aufkommen der
New-Age-
Gegenkultur ab Anfang der 1970er Jahre entstand ein verstärktes Interesse an Literatur mit aus der Wissenschaft entlehnten Ausdrücken, in der Verbindungen zwischen der Quantenmechanik, dem menschlichen
Bewusstsein und fernöstlicher Religion hergestellt wurden.
[40] Bücher wie
F. Capras Tao der Physik oder
G. Zukavs Dancing Wu Li Masters wurden Bestseller.
[41] Die Quantenmechanik – so eine Kernaussage dieser Bücher – enthalte
holistische und
mystische Implikationen, die eine Verbindung von
Spiritualität,
Bewusstsein und Physik zu einem „organischen“ Weltbild nahelegten.
[40][42]
Ab den 1980er Jahren erlebte der Markt für quantenmechanisch inspirierte Literatur einen weiteren kräftigen Aufschwung, und das Wort „Quanten“ entwickelte sich zu einem in vielen
Komposita verwendeten
Modewort.
[43] Die veröffentlichten Bücher umfassten ein breites Themenspektrum, welches von allgemeinverständlichen Darstellungen über weitere Bücher zu dem Themenkomplex „Quantenmechanik und Bewusstsein“ bis hin zu Themen wie dem „Quantum Learning“, „Quantum Golf“ oder den „Quantum Carrots“ reichte.
[43] Ein bekanntes Beispiel für die Erweiterung quantenmechanischer Konzepte auf Bereiche jenseits ihrer Anwendbarkeit ist der Film
What the Bleep do we (k)now!?.
Die
Literaturwissenschaftlerin Elizabeth Leane kommt zu einer zwiespältigen Bewertung des Genres. Einerseits misst sie ihm pädagogische Bedeutung bei der allgemeinverständlichen Darstellung von Wissenschaft zu. Andererseits weist sie auf das Problem von Bedeutungsverschiebungen hin, die durch die Verwendung von
Metaphern und „fiktionalen Techniken“ erzeugt werden.
[44] Am Beispiel von Zukavs
Dancing Wu Li Masters, einem der meistverkauften und am häufigsten zitierten Bücher, die Quantenmechanik und Esoterik verquicken,
[45] zeigt sie eine rhetorische Umdeutung der Quantenmechanik zur Unterstützung eines
anthropozentrischen Weltbildes auf.
[46] Der Soziologe S. Restivo weist auf prinzipielle linguistische und konzeptionelle Probleme bei Versuchen hin, Quantenmechanik umgangssprachlich zu beschreiben und mit Mystik zu verbinden.
[47] Viele Physiker, etwa
J. S. Bell,
M. Gell-Mann oder
V. Stenger, lehnen Hypothesen, die Verbindungen zwischen Quantenmechanik und Bewusstsein herstellen, als spekulativ ab.
[48][49][50]
Kunst
Ähhh LANGWEILIG
Die Literaturwissenschaftlerin E. Emter weist Rezeptionsspuren der Quantentheorie in Texten von
R. Musil (Der Mann ohne Eigenschaften), H. Broch,
E. Jünger,
G. Benn,
Carl Einstein und
B. Brecht nach, wobei sich ihre Studie auf den deutschen Sprachraum und die Jahre 1925 bis 1970 beschränkt.
[51][52]
In den letzten Jahren erlangten Arbeiten von Bildhauern Aufmerksamkeit, die Quantenobjekte als
Skulpturen darstellen.
[53] Der Bildhauer
J. Voss-Andreae geht davon aus, dass Kunst, die nicht an die Textform gebunden ist, Möglichkeiten zur Darstellung von Realität hat, die der Wissenschaft nicht zur Verfügung stehen.
[54] Ein Beispiel ist seine Skulptur
Quantum Man (siehe Abbildung rechts), die von Kommentatoren als Symbolisierung des Welle-Teilchen-Dualismus und der
Beobachterperspektive interpretiert wird.
[54] Weitere bekannte Beispiele für künstlerische Darstellungen von Quantenobjekten sind die Skulpturen
Quantum Corral und die
Spin Family desselben Künstlers sowie die
Quantum Cloud von
A. Gormley.
[54]
Auch einige Theaterstücke thematisieren die Quantenmechanik, so z. B.
Tom Stoppards Bühnenstück
Hapgood oder das Stück
QED des US-amerikanischen Dramatikers P. Parnell.
[55] In seinem Bühnenstück
Kopenhagen überträgt der Schriftsteller
M. Frayn das Heisenbergsche Unschärfeprinzip in ein Unschärfeprinzip des menschlichen Verhaltens.
[56]
Quelle: Wik... Äh BRAIN.EXE!